Behindertenwerkstatt: Sechs Nähmaschinen im Einsatz für Behelfsmasken

Die Behindertenhilfe Bergstrasse hält in Corona-Zeiten zusammen

Helfen aktuell in der Wäscherei der Behindertenhilfe Bergstraße aus: Kai Schellhaas, Mitar-beiter in der Tagesförderstätte, Lorsch und Kathrin Arnold, Arbeitsbegleitende Maßnahmen, Lorsch. Bild © bhb

In den drei Werkstätten der Behindertenhilfe Bergstrasse (bhb) in Auerbach, in Fürth und in Lorsch ist es in diesen Tagen ungewöhnlich ruhig. Am 24. März wurde den Beschäftigten mit Beeinträchtigung vom hessischen Sozialministerium aufgrund der Covid-19-Pandemie ein Betretungsverbot für Werkstätten für Menschen mit Behinderung erteilt. Rund 600 Beschäftigte fehlen nun im Bild des Arbeitsalltags der bhb.

Die Zahnräder stehen aber dennoch nicht still. Die bhb sieht sich als Bestandteil des inklusiven Arbeitsmarktes und ist als Auftragnehmer ein nicht unwesentliches Glied von komplexen Produktions- und Lieferketten, die es –soweit überhaupt möglich- aufrecht zu erhalten gilt.
In dieser bewegenden Zeit zeigt sich das überwältigende Engagement jedes einzelnen bhb-Angestellten. Arbeitserzieher, Sozialpädagogen, Verwaltungsangestellte, Hauswirtschaftspersonal und FSJler packen dort an, wo es nötig ist. Während in kleinen Gruppen bestehende Aufträge bearbeitet werden, freut sich die Mehrheit der Angestellten über die Chance, neue Erfahrungen sammeln zu können.

Quasi systemrelevant

Besonders motiviert sind die Kolleg*innen, die innerhalb der bhb nun einen systemrelevanten Beitrag leisten. In der Wäscherei am bhb-Standort in Lorsch fallen täglich etwa 600-800kg Wäsche an. Dabei wird hier nicht nur die Wäsche aus den eigenen Wohnhäusern, sondern auch die Wäsche aus anderen sozialen und medizinischen Einrichtungen in der Region gereinigt. Einen besonderen Stellenwert nimmt vor allem das Reinigen der Arbeitsbekleidung von Rettungsdiensten des Deutschen Roten Kreuzes und der Johanniter ein. Bereits seit 2012 werden am bhb-Standort in Lorsch Funktionskleidung in einem speziell beim Robert-Koch-Institut gelisteten Waschverfahren gereinigt. Frau Noack, Gruppenleiterin in der Wäscherei, freut sich über die tatkräftige Unterstützung ihrer Kollegen, die überwiegend in anderen Bereichen der bhb tätig sind.

Tüchern für medizinische Flächendesinfektion verpackt
Noch ein weiterer Auftrag wurde in der Lorscher Werkstatt bis vor einigen Tagen bearbeitet, der zu keiner Zeit eine größere Relevanz hatte als in der heutigen Corona-Situation. Mit großem Einsatz wurden hier 3.500 Kartons mit Tüchern für medizinische Flächendesinfektion verpackt. Ein Auftrag, den die bhb noch vor der Corona-Krise angenommen hatte. Einen baldigen Folgeauftrag erwarten die zuständigen Gruppenleiter jedoch zunächst nicht, da auch den Auftraggebern bekannt ist, dass die Menschen mit Behinderung als Arbeitskräfte durch die Corona-Verordnung des hessischen Sozialministeriums ausfallen.

Stoffmasken in verschiedensten Variationen

Generell freut sich die bhb über die große Bereitschaft der Belegschaft, sich bereichsübergreifend einzusetzen. Jeder schaut, wie er sich in der jetzigen Lage am besten einbringen kann.
So entstehen beispielsweise an den Standorten Fürth und Auerbach Stoffmasken in verschiedensten Varianten. In der Auerbacher Kantine, in der sonst täglich rund 200 Menschen ihre Frühstücks- und Mittagspause verbringen, wird an bis zu sechs Nähmaschinen gleichzeitig genäht, um die Bewohner und Betreuer aller Wohnhäuser der bhb mit Behelfsmasken auszustatten. In ausreichendem Abstand zueinander sitzt hier jeder, der eine Nähmaschine bedienen kann und kreiert Baumwollmasken in allen erdenklichen Farben und Mustern. Rita Bachmann, die als Gruppenleiterin in der Küche Bensheim tätig ist, freut sich darüber etwas Nützliches erschaffen zu können und genießt die Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen, die sie sonst meistens nur bei der Essensausgabe sieht. „Es ist erstaunlich, welche versteckten Talente man hier entdeckt. Kollegen, die vorher noch nie eine Nähmaschine bedient haben, nähen hier mittlerweile die schönsten Masken.“ Am Ende des Arbeitstages kommen allein in Bensheim etwa 50-60 Baumwollmasken zusammen.

Notbetreuung in Werkstätten

Nicht nur Stoffmasken werden in die Wohnhäuser geschickt. Auch Personal wird vermehrt an die Wohnhäuser ausgeliehen. Der Personalbedarf in den Wohnhäusern ist unweigerlich massiv gestiegen, da die Bewohner nun täglich auch tagsüber zu Hause sind und betreut werden wollen. Nur einige wenige Klienten, deren Betreuung zu Hause nicht gewährleistet werden kann, werden in Form einer Notbetreuung in den Werkstätten betreut. Momentan kann der steigende Personalbedarf in den Wohnhäusern noch intern aufgefangen werden. Einige Angestellte wurden sogar bereits an Wohnangebote anderer Trägern ausgeliehen, die ebenso wie die bhb mit höherem Betreuungsbedarf konfrontiert sind.

In dieser bewegenden Zeit wird die bhb, wie aktuell alle Unternehmen und Einrichtungen, mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Umso erbaulicher ist es zu sehen, dass die gesamte Belegschaft mit großem Engagement und mit viel Kreativität an Lösungen für eben diese Herausforderungen mitarbeitet. Die Geschäftsleitung ist jedem einzelnen Mitarbeiter sehr dankbar für den außerordentlichen Einsatz und dem starken Zusammenhalt der Belegschaft in der Krise. (red)

Betretungsverbot und Notbetreuung

Mit der „Zweiten Verordnung zur Anpassung der Verordnungen zur Bekämpfung des Corona-Virus vom 23. März 2020“ hat die Landesregierung Hessen ein sogenanntes Betretungsverbot ausgesprochen. Menschen mit Behinderung dürfen demnach die Werkstätten sowie die Tagesförderstätten nicht mehr betreten.

Eine Notbetreuung kann allerdings laut dieser Verordnung in Anspruch genommen werden, wenn:

1. einer der Elternteile oder Angehörigen im Haushalt den Funktionsgruppen zugehört (analog der Schulschließungen) oder

2.  der Betreuungs- und Pflegeaufwand so hoch ist, dass er im häuslichen Rahmen nicht erfolgen kann. Falls auch Ihre Familie zu einer dieser Ausnahmen zählt und eine Notbetreuung in Anspruch nehmen möchten, dann melden Sie sich gerne in der Zentrale der bhb unter 06251-7006-0

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