Es geht immer um Chancengleichheit und um Fairness

Bürgermeister Christine Klein zum Weltfrauentag 2021

Der Weltfrauentag 2021 stand im Mittelpunkt eines Interviews mit Bensheims Bürgermeisterin Christine Klein. Unser Bild zeigt von links Stadtverordnetenvorsteherin Christine Deppert, Marion Vatter vom Frauenbüro der Stadt Bensheim und Bürgermeisterin Christine Klein. Bild © ps

Jedes Jahr steht der Frauentag unter einem bestimmten Motto. Das Motto der UN für den Weltfrauentag 2021 lautet „Women in leadership: Achieving an equal future in a COVID-19 world“/„Frauen in Führungspositionen: Für eine ebenbürtige Zukunft in einer COVID-19-Welt“. Hier ein von der Pressestelle der Stadt Bensheim geführtes Interview mit Bürgermeisterin Christine Klein zum Internationaler Frauentag/Equal Pay Day

Frau Klein, ist der Internationale Frauentag für Sie ein Tag der Freude?

Christine Klein: Nicht wirklich, der 8. März wurde 1977 durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen als Internationaler „Tag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ proklamiert. Seine Geschichte geht sogar bis auf 1911 zurück, er wurde von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin initiiert. Es stimmt mich eher traurig, immer noch für die Rechte von Frauen eintreten, ja kämpfen zu müssen,  und dass es eines solchen Tages bedarf. Wir brauchen den 8. März, um das Thema Gleichberechtigung von Frauen immer wieder in die Öffentlichkeit zu bringen und darüber zu reden, statt es totzuschweigen oder zu negieren.

Um was geht es eigentlich inhaltlich?

Es klingt banal und ist doch so wichtig: Es geht um Frauenrechte und Frauenrechte sind Menschenrechte. Das gilt es sich immer wieder bewusst zu machen.

In vielen Ländern dieser Welt geht es bei dem Frauentag beispielsweise um das Thema Frauenwahlrecht. In Deutschland haben sich Frauen das Wahlrecht vor etwas mehr als 100 Jahre errungen. Aber bei uns geht es um Gender Pay Gap, also die immer noch bestehende Ungleichheit und Differenz zwischen dem Arbeitslohn von Männern und Frauen. Frauen verdienen für dieselbe Arbeit allein hier in Deutschland immer noch 21 Prozent weniger als Männer. Das sind belegte Zahlen. Es geht um die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit. Frauen erledigen überproportional die Care-Arbeit, also Haushalt, Kindererziehung, Pflege, und das oft neben ihrer Erwerbstätigkeit. Gerade jetzt in der Corona-Pandemie sind es überwiegend die Frauen, die doppelt und dreifach belastet sind. Es sind die Frauen, die in Krankhäusern die Pflegearbeit schlecht bezahlt leisten. Diese Care-Arbeit ist meist unter- oder unbezahlt und bleibt in der Existenzsicherung ungewürdigt. Damit geht auch das Thema Altersarmut bei Frauen einher. Oder es geht um die Beseitigung tradierter Rollenbilder, es geht um Gewalt gegen Frauen und Sexismus, es geht um Frauen in Führungspositionen. Es geht schlicht und ergreifend um Chancengleichheit für Frauen und Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern.

Ihnen eilt der Ruf voraus, sich seit Jahren für die Rechte von Frauen einzusetzen?

Das ist korrekt und das in vielfältigen Bereichen. Und man steckt dann auch ganz schnell in einer Schublade drin, in die noch viel mehr reingepackt wird.

Zum Beispiel?

Die Unterstellung von Männerfeindlichkeit schwingt dann schnell mit.

Und was entgegnen Sie auf diese Unterstellung?

Da können Sie ja mal die Männer hier im Rathaus fragen, also die wenigen, die seit meinem Amtsantritt noch übrig geblieben sind (lacht). Nein, Spaß beiseite, alle, die mich kennen, kennen auch meine direkte Art. Für mich spielt das Geschlecht im Umgang mit anderen Menschen überhaupt keine Rolle. Ich arbeite sehr gut und gerne mit Männern und Frauen zusammen.

Aber: Wenn manche Männer ein Problem mit selbstbewussten Frauen haben, dann das ist nicht mein Problem. Mir geht es nie um eine Bevorteilung von Frauen, mir geht es ausschließlich um Gerechtigkeit. Es ist nun mal ein Fakt, dass wir immer noch in einer von Männer dominierten Gesellschaft leben. Schauen Sie doch nur mal in die Politik, egal auf welcher Ebene. Schauen wir uns doch allein unseren Magistrat hier in Bensheim an. Auch im Landkreis werden die Rathäuser fast ausschließlich von Männern regiert, lediglich drei Frauen sind Bürgermeisterinnen. In den Verwaltungs- und Aufsichtsräten, in denen ich Kraft Amtes bin, bin ich meist die einzige Frau, auch die meisten anderen Gremien sind frauenlos. In unserer Bevölkerung gibt es mehr Frauen als Männer, das muss sich auch in den Entscheidungsgremien widerspiegeln.

Dass wir hier in Bensheim eine Stadtverordnetenvorsteherin, eine Bürgermeisterin und eine Erste Stadträtin haben, dürfte eher ein seltenes Phänomen sein. Aber hier in Bensheim können wir von einer Parität in der Führung des Rathauses mit zwei Männern und zwei Frauen sprechen. So muss es sein und so gelangen die männlichen und weiblichen Sichtweisen in die Entscheidungsfindungen.

Also Frauen mit aller Macht an die Macht?

Es geht immer um Chancengleichheit und um Fairness. Die Strukturen müssen so gestaltet sein, dass Frauen eine tatsächliche Chance und Entscheidungsfreiheit haben. Deshalb stehe ich auch für Frauenquoten und habe mich über die gesetzliche Regelung Anfang Januar zur Frauenquote in Vorständen gefreut. Freiwilligkeit hat nicht funktioniert – Männer geben halt nicht gerne ihre Machtpositionen auf. Aber mit der Quote gibt es jetzt die Verpflichtung, dass bei drei Vorstandsposten mindestens eine Frauen dabei sein muss. Wir haben überaus gut qualifizierte Frauen in fast allen Berufsfeldern. Bisher fehlen sie aber in Führungspositionen und Vorständen.

Was ist ihr Wunsch für die Zukunft?

Ich wünsche mir einen weitaus aktiveren Blick auf die Frauenpolitik, auf das Thema „Frauen in Führungspositionen und in der Politik“. Deshalb wünsche ich mir auch ein Paritätsgesetz für Wahlen in ganz Deutschland, damit künftig viel mehr Frauen in der Politik auf allen Ebenen vertreten sind. Insgesamt wünsche ich einen offenen Umgang mit dieser Thematik, frei von allen Vorurteilen und jedem Schubladendenken. (ps)

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