Kulturraum macht an Landesgrenzen nicht halt

Pilastersarkophag und Epitaph des 9. Jahrhunderts reisen aus Lorsch ins Mainzer Landesmuseum

Der sogenannte Sarkophag König Ludwig des Deutschen (Bild) und eine Tafel mit der Grabinschrift eines Klosterlehrers bereichern die rheinland-pfälzische Landesausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“. Foto ©: Welterbe Kloster Lorsch

Zwei wertvolle Zeugnisse des 9. Jahrhunderts haben am 10. August das erste Mal Kloster Lorsch verlassen: Ein Pilastersarkophag, in dem einst der ostfränkische König und Enkel Kaiser Karls des Großen, Ludwig der Deutsche, beigesetzt worden sein soll und eine Grabinschrifttafel, die den pädagogischen Eifer eines Lehrers rühmt. Beide Objekte werden sonst im Schaudepot Zehntscheune gezeigt und gehören zu den Hauptattraktionen der ersten hessischen Welterbestätte. Jetzt werden sie im Landesmuseum Mainz die rheinland-pfälzische Landesausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ (9. September 2020 bis 18. April 2021) bereichern.

Großes Ausstellungsprojekt in Mainz

„Wir kooperieren immer sehr gerne mit unseren rheinland-pfälzischen KollegInnen von der Generaldirektion Kulturelles Erbe“, bestätigt Kirsten Worms, Direktorin der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen (SG). „Unser gemeinsamer Kulturraum macht an den heutigen Ländergrenzen nicht halt. Daher freue mich sehr, dass wir mit unseren Leihgaben das große Ausstellungsprojekt im Mainzer Landesmuseum unterstützen können“, so Worms weiter. „Der Sarkophag und das Epitaph passen hervorragend in das Konzept unserer Mittelalter-Schau. Wir sind den Kolleginnen und Kollegen von der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen daher sehr dankbar, dass wir diese Leihgaben in unserer Landesausstellung zeigen dürfen“, freut sich Thomas Metz, Generaldirektor der GDKE.

Sarkophag vom ostfränkischen König Ludwig den Deutschen

Der Sarkophag aus geglättetem weißen Sandstein ist mit kannelierten Pilastern verziert. Auf schlichten Basen zeigen sie an ionische Vorbilder erinnernde Kapitelle, die einen profilierten Architrav tragen. Im Jahr 1800 wurde der Sarkophag bei einer Schatzgrabung in Lorsch gefunden. Die Umstände des Fundes waren den politischen Umbrüchen der Napoleonischen Kriege geschuldet: Das linksrheinische Territorium von Kurmainz, zu dem Lorsch gehörte, war damals französisches Staatsgebiet. Der Mainzer Erzbischof und Kurfürst, Friedrich von Erthal, hatte sich nach Aschaffenburg zurückgezogen. Lorsch war kurzzeitig im Besitz des kurmainzischen Oberforstmeisters Carl Freiherr von Hausen, der die Grabung in Hoffnung auf wertvolle Funde beauftragte. Im abgebrochenen Ostchor der Basilika stieß man vermutlich auf eine verschüttete Gruft, die zuletzt der Mainzer Domvikar Georg Helwich Anfang des 17. Jahrhunderts in noch intaktem Zustand besichtigt und beschrieben hatte. Dort, so Helwich, habe er die Gräber der Könige gesehen, ohne sagen zu können, welcher König in welchem Sarkophag bestattet gewesen sei, weil alle Särge ohne Inschrift waren.

Bei der Bergung des Pilastersarkophages zerbrach dieser und gab seinen heute verschollenen Inhalt preis: Nach einem zeitgenössischen Bericht soll es sich um die Reste eines männlichen Toten gehandelt haben, der in ein kostbares Gewand gehüllt war und Stiefel und Sporen trug, also offensichtlich die sterblichen Überreste einer hochgestellten Persönlichkeit. Der Sarkophag wurde fortan in der karolingischen Torhalle aufbewahrt, wo Historikern später auffiel, dass sein Dekor Parallelen zur Bauzier der Torhalle aufwies. Dies nährte die Vermutung, dass es sich bei dem Sarkophag um die letzte Ruhestätte der prominentesten Persönlichkeit handeln könnte, die je im Kloster beigesetzt wurde: den ostfränkischen König Ludwig den Deutschen, der am 28. August 876 in Frankfurt gestorben war und schon einen Tag später in Lorsch begraben wurde.

„Mit dem so genannten Ludwigs-Sarkophag erhält die Mainzer Ausstellung Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht ein noch nie außerhalb von Lorsch gezeigtes Exponat von herausragender Bedeutung. Er steht stellvertretend für das Kloster Lorsch als Säule kaiserlicher Macht in religiöser, wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht“, betont Kirsten Worms. „Auch, wenn weder der Zeitpunkt der Entstehung noch die Bestattung Ludwigs des Deutschen in diesem Sarkophag wirklich gesichert sind, bleibt dieser Sarkophag doch eines der bedeutendsten Sepulkralobjekte der Karolingerzeit in Europa“, ergänzt Welterbestättenleiter Dr. Hermann Schefers.

Das Epitaph, die steinerne Tafel

Das Epitaph, die steinerne Tafel mit sorgfältig eingemeißelter Grabinschrift, ist ein eher unscheinbares Objekt, das eine bemerkenswerte und sogar amüsante Geschichte erzählt. Es handelt sich, soweit bekannt, um das einzige aus der Karolingerzeit bekannte inschriftliche Denkmal für einen Klosterlehrer. Die Capitalis-Buchstaben der Inschrift sind Ausdruck des karolingischen Klassizismus, so ist das ein Beispiel für die unter Karl dem Großen angestrebte vereinheitlichte Schrift. Die erste Zeile und das untere Ende der Inschrift fehlen. Der Rest berichtet, dass der verewigte Pädagoge zweimal zwei Jahre die Knaben anleitete, ihnen ein Vorbild an Charakter und frommer Lebensführung war und dass er diese Aufgabe meisterte, ohne sich über die damit verbundene Qual zu ärgern. Dr. Schefers vermutet: „Vielleicht war es ein Schüler, der seinem Klosterlehrer nicht nur ein Denkmal seines unermüdlichen pädagogischen Eifers setzte, sondern auch zeigen wollte, was er bei ihm in Latein gelernt hatte: Der Text ist im anspruchsvollen Versmaß eines leoninischen Hexameters formuliert. Und wir erfahren außerdem, dass Unterrichten auch vor über tausend Jahren kein leichtes Geschäft war.“ (VSG)

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